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Krieg

Eine Kurzgeschichte von mir zum Krieg in der Ukraine.

Bjoern Blomquist
Bjoern Blomquist
3 minuten gelesen
Krieg
Photo by Piero Nigro / Unsplash

Meine lieben Freunde, ich komme nicht umhin euch zu berichten, was in den letzten Tagen hier in der Ukraine passiert ist. Verzeiht mir die späte Kommunikation mit euch, aber die Kommunikationsinfrastruktur ist derzeit immer kurz vor dem Zusammenbruch.

Ich bin nun seit geraumer Zeit als investigativer Reporter in der östlichen Ukraine unterwegs um das Leben der Menschen vor Ort zu porträtieren. Vor 6 Tagen nun, am 23. Februar eben diesen Jahres, ist die europäische Landkarte sozusagen aus ihren angestammten Fugen geraten. Was mich absolut fassungslos macht und mir gehörig Angst einjagt. Macht euch keine Sorgen um mich, mir geht es derzeit gut und ich bin in der Nähe der polnischen Grenze in einem Auffanglager untergekommen. Doch nun zu was ich euch berichten möchte. Der Tag des Verteidigers des Vaterlandes, ein russischer Feiertag, zum Gedenken an die Anfänge der roten Armee, war wohl als Datum bewusst gewählt worden, um den russischen Angriff auf die Ukraine als Akt der Verteidigung in den Köpfen der Welt zu legitimieren. Ich bin noch immer ganz erschüttert von den Ereignissen.

Ich denke wohl, dass nach Putins vorherrschender Meinung, die Nato vor Väterchen Russlands Haustüre schon zu lange ohne Konsequenzen erweitert worden war. Vielleicht hatte dies auch mit Putins Erinnerungen an die mündlichen Zusagen von Hans-Diedrich Genscher, welche dieser als deutscher Aussenminister im Feburar 1990 dem sowjetischen Aussenminister Schewardnadse zugesichert hatte, zu tun. „Die NATO werde sich nicht nach Osten ausdehnen“, sagte er damals. Putin, damals noch ein junger KGB Offizier, war am Beginn seiner beispiellosen Karriere und erlebte diese Momente sicher als sehr prägend. Genscher, in seinen letzten Jahren als historische Schlüsselfigur, bei der Überwindung der Teilung Europas und Deutschlands, wusste, dass seine Äusserungen natürlich keine verbindlichen Zusagen waren. Doch bin ich mir sicher, das damals allen Beteiligten klar war, dass eine östliche Ausdehnung der Nato seitens Russland nicht akzeptiert werden würde. Ich erinnere mich noch gut an den Ungarn-Aufstand von 1956, als aufständische Ungarn verkündet hatten, dass sie sich dem westlichen Bündnis anschliessen möchten und Moskau dies zum Vorwand nahm, um militärisch einzugreifen. Wie wir alle wissen, hat sich die Welt natürlich in den letzten 30 Jahren stark gewandelt. Das russische Reich erstarkte nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu alter militärischer Stärke.

Europa und die Nato dehnten sich gen Osten aus. Die USA traten aus dem Abkommen zur Rüstungskontrolle aus. Viele ehemalige Sowjetrepubliken liebäugelten mit dem Westen. Mit dem westlichen Lifestyle und demokratischen Werten. Für Russland muss jedoch klar gewesen sein, sollte auch die Ukraine der Nato beitreten und die Nato dort Raketensysteme installieren, wie beispielsweise in Polen, könnten diese Marschflugkörper in wenigen Minuten Moskau erreichen. Putin sah wohl diesen Moment als letzte Gelegenheit, um jedwede Nato Erweiterung zu verhindern. Ich denke, dass für ihn nun der letzte Zeitpunkt gekommen war, um zu verhindern, dass die russische Sicherheit gefährdet wird. Der letzte Moment um die Weichen langfristig in eine russische Richtung zu stellen. Und sind wir ehrlich, wer konnte es ihm verdenken, nach 4 Jahren Donald Trump. Einem Fass Sprengstoff sozusagen, dessen Zünder keinem deterministischen Verhalten zuzuordnen war. Bei dem selbst die deutsche Bundeskanzlerin Merkel 2017, die USA nicht mehr als verlässlichen Partner wahr nahm. All die Argumentation, dass der Westen nicht der Aggressor wäre und keine Gefahr für die territoriale Integrität Russlands hinderten Putin nicht an seinen Invasionsplänen. All die Einsätze des russischen Geheimdienstes im Ausland, der Tiergartenmord oder der Mordversuch an Skripal, die zu einem desaströsen westlichen Bild von Russland führten, zeugten nicht davon, dass Putin etwas auf die westliche Meinung gab. Die Forderungen die Putin an die Nato stellte, welche die Nato unmöglich erfüllen konnte, wies Nato Generalsekretär Stoltenberg umgehend zurück, „die Ukraine wird als souveräner Staat ihren eigenen Weg wählen“. Doch die Forderungen verschafften Putin Zeit. Zeit, um Russlands Streitkräfte in den letzten Zügen auf die Invasion vorzubereiten und seine Angriffspläne beim russischen Volk zu rechtfertigen.

Jetzt herrscht Krieg und ich weiss nicht wie lange ich noch berichten kann.

Bjoern Blomquist Twitter

A #heavyDirtySoul searching for the meaning of life. Enjoying nature, hiking, dogs, writing, travelling, books and living straight edge.